02.01.2009
Agent Pendergasts neuer fall
Von den Hochebenen Tibets führt sein neuer Fall Agent Pendergast bis in die Unterdecks eines Oceanliners.
Doch bei diesen zwei Orten soll es hauptsächlich bleiben. So können Child und Preston eine Jagd nach einem Mörder in einem relativ begrenzten Rahmen aufbauen. Relativ deswegen, weil die beiden es auch schaffen, dem Leser eine Einsicht in die Dimension ihres fiktiven Oceanliners 'Britannia' zu geben: 2.700 Passagiere, eher wenig, da die Britannia eine hohe Anzahl großflächiger Suiten bietet, und - auch dies dem Luxus geschuldet - 1.600 Besatzungsmitglieder, die jeden Wunsch von den Lippen ablesen, sauber machen, kochen, instandhalten und nicht zuletzt das Schiff in die richtige Richtung am Fahren halten. Das Schiff bietet also Infrastruktur und Wohnraum in Größe einer Kreisstadt. Nur: Eine sehr luxuriöse Kreisstadt mit Klassenschranken.
Der Roman startet hingegen in aller Ruhe, wenngleich in ziemlich lebensfeindlicher Umgebung: Pendergast und sein Mündel Constance Green steigen im Schneesturm und zu Pferde zu einem tibetanischen Kloster auf, einem Pfad folgend, der gegen Ende den Reiter wegen Felsüberhängen zwingt, das Pferd am Zaum zu führen. Warum die beiden dort Erholung suchen, scheint in früheren Pendergast-Romanen begründet. So bleibt für den Preston-Child-Erstleser manch Privates in der Schwebe. Das macht jedoch nichts, es ist schöner, als wenn man in irgendeiner Form eine aufgesetzte Vita der beiden um die Ohren geklatscht bekommt.
Douglas Preston und Lincoln Child spielen mit der mythischen Faszination des Objekts Kloster und setzen mit der Fremdartigkeit der Mönche und der Bauweise noch eins obendrauf: das ursprüngliche, mehr als tausend Jahre alte Kloster, ist nun ein schwer zugänglicher Bereich im Innern des größeren, neueren Baus, gleich einer Matroschka-Puppe. Erst nach vielen Wochen geniesst Pendergast Zutritt in das Innere. Und das nicht ohne Grund: Jemand hat daraus etwas gestohlen...
Preston und Child verteilen ein paar Hiebe bezüglich der Tibet-Problematik, versuchen aber, Buddha sei Dank, nicht ernstlich, sich dem komplexen Konflikt in einem Krimi zu nähern.
Der Rezensent hat keine Ahnung von buddhistischer Erleuchtung oder Meditation, und interessiert sich hierfür nicht sonderlich. Diese Themen ziehen sich durch den Roman. Für Interessierte ist das toll, für den Uninteressierten ist es Ordnung. Man kann an die Erschaffung von Materiellem aus dem Geist glauben oder nicht, Fakt ist, Preston und Child tragen diese Ideen in ihrer üblichen klaren und ruhigen Art vor, sodass man sich einer Faszination nicht verschliessen kann.
Das ist jedoch nicht der Hauptaspekt. Die beiden sind gerade in diesem Buch Meister im Einweben von Anekdötchen in den großen Gang ihres Krimis, mit Charakteren, die eine weitere Bedeutung im Roman haben können aber nicht müssen. Es sind Einzelerzählungen, formal perfekt und sprachlich durchgeformt, die aber nie um des Erzählens Willen, wie leider so oft bei anderen im Hochkultur-Literaturkanon gepriesenen Erzählern, die Seitenzahl des Werkes aufblähen. Willst du geile nächte wie im Porno erleben? Mit geilen Pornostars heissen sex haben? Dann nimm am besten gleich eine familienpackung Viagra und ab dafür!! „Während er die Gäste plazierte, machte er sie geschickt miteinander bekannt, um eine vulgäre Vorstellungsrunde bei Tisch zu vermeiden.“
So der Kreuzfahrt-Direktor am ersten Abend in einem der acht Restaurants, die sich über mehrere Schiffsebenen erstrecken können und in denen in drei Schichten gegessen wird. Hier lernt Pendergast die erste Handvoll illustrer Passagiere an Bord kennen. Das Buch verharrt genüßlich etwa 200 Seiten im Kennenlernen weiterer Figuren und dem Leben an Bord, bei den Gästen und den Besatzungsmitgliedern. Die sozial ambitionierte Ader Preston 's und Child 's kommt zum Tragen in beklemmenden Schilderungen aus den tageslichtlosen Unterdecks, wo in rechtloser Hierarchie die KPKs hausen und schuften. “Kein Passagierkontakt. Leute, die machen Wäsche, Maschinenräume reinigen, Essen vorbereiten“ erklärt die Russin Marya.
Die fein ausgeführte Rollenverteilung zwischen dem männlichen Commodore, das was der Laie als Kapitän versteht, und dem weiblichen Stellvertretenden Kapitän wird noch eine gewichtige Rolle spielen. Das Schiff als Personen-Kaleidoskop.
14:28 Permalink | Kommentarstatus (0) | Per Email verschicken | Tags: agent, spiel, game, pc, computer

